Karen

Eigentlich wollte ich zu diesen Fotos einen Songtext posten, den ich einem Lied entrissen hätte. Ganz deep und artsy. Nach einigem Suchen, Ausprobieren, Ansehen, Anhören und Durchlesen wirkte alles was ich fand weniger unterstützend, als viel mehr zwanghaft übergestülpt. Da war Nantes von Beirut, Golden Brown von The Stranglers, Camarillo Brillo von Zappa oder auch Pretty Face von Sóley. Alles nichts Passendes. Alles nichts, was den Bildern eine weitere Ebene geben würde. Was also tun?
Text weglassen? Reduzieren. Kein Songtext. Keine Musik. Einfach nur die Bilder für sich. Warum auch nicht?

Karen und ich trafen uns schon im Sommer 2017 in Halle für Fotos. Vor zwei Wochen lese ich ihre Nachricht auf Instagram: Sie ist in Leipzig. Ob ich Lust auf ein Shooting habe? Ja. Natürlich habe ich Lust. Ich bestelle sofort neue Farbfilme. Eine Woche später treffen wir uns in Leipzig. Beide leicht verspätet aber nicht in Hektik. Die wäre bei einem Shooting wie diesem fehl am Platz. Ich mache Musik an ‒ Jefferson Airplane und Konsorten ‒ Karen zeigt mir zwei Outfits. Es ist eine schnelle Entscheidung: Cordhose und schulterfreies Oberteil. Ein Hauch Retro. Während wir uns unterhalten und Karen dezentes Make-Up auflegt, lege ich den Portra 800 ein und rücke ein paar Pflanzen zurecht. Nach 10 Fotos und einem ein Sofortbild ist die erste Serie im Kasten. Outfitwechsel. Im Hintergrund Frank Zappa.

Grethe III

Das Shooting mit Grethe liegt mittlerweile über ein halbes Jahr zurück. Bei 30°C verbrannte ich mir da im späten Frühling noch den Nacken in der Sonne, während ich in den letzten Tagen froh bin, meine Handschuhe auf dem Rad anziehen zu können.

Die Auswahl der Fotos stammt aus einer bunten Mischung an Filmen und Kameras. Zum einen sind da die 35mm Fotos aus der Nikon FG, mit der ich vor etwa 15 Jahren anfing zu fotografieren. Eingelegt waren ein Kodak Gold und ein lange abgelaufener Fujichrome. Die Farben und Kontraste unterscheiden sich stark. Von fast verblasst zu kräftigen Durchzeichnungen in Schatten und Lichtern.

Zum anderen sind da die 6x7cm Fotos aus der Mamiya RZ67, die auf einem abgelaufenen originalen Ektachrome 100 die Farben stark überzeichnen. Dazwischen finden sich noch Sofortbilder auf Fuji FP100-C und Fuji Instax Mini.

Eigentlich versuche ich meine Serien inhaltlich und visuell immer möglichst aus einem Guss zu formen. Aber diese Mischung verschiedener Filme und Kameras reizt mich auch. Trotz des durchgehenden Hauptthemas der Fotos werden visuell verschiedene Sprachen gesprochen. So fühle ich mich als Betrachter bei jedem Bild aufs neue gefordert zurückzutreten und das einzelne Foto neu zu lesen.

Die analoge Reise geht weiter. Auch wenn ich zwischendrin immer wieder mal weniger posten sollte. Aber das kennt man ja mittlerweile. :)

Jott

Persönlich kennengelernt haben Jott und ich uns beim Provinz 2018 Meetup, bei dem viele der zuletzt veröffentlichten Serien entstanden. Wir zwei fanden damals allerdings keine Zeit für eine gemeinsame Arbeit. Abgesehen von Jotts wunderbarer Make-Up-Arbeit für die Fotos mit Katha und Normen.

Mitte August besuchte ich sie dann schließlich in ihrer Leipziger Wohnung. Eine offene, lichtdurchflutete Wohnung, die unter anderem von vier Katzen und vielen Pflanzen bewohnt wird. Nur die Wolken machten uns die ersten drei Stunden einen kleinen Strich durch die Rechnung. Als wir dann trotzdem einen Kleinbildfilm gefüllt hatten und ich schon wieder auf halbem Weg zu Bahnhof war, fiel mir an einer Ampel auf, dass ich meinen Pulli vergessen hatte. Also noch mal zurück. Und siehe da – strahlender Sonnenschein und die dazugehörigen Schattenspiele der Fensterrahmen und Pflanzen.

Ich packe noch einmal meine Mamiya aus, lege einen frischen Portra 800 ein und wir schießen schnell noch zehn Fotos. Wie sich nach dem Entwickeln herausstellt, macht dieser letzte Film den Hauptteil dieser Serie aus. Darunter mischen sich ein Foto auf 400-TX und zwei Fotos aus der Nikon FG auf Kodak Gold 200.

Grethe II

Während die Sonne mir Mitte Mai schon die Haut verbrennt, ist das Wasser noch eisig kalt. Grethe und ich gönnen unseren Beinen eine kleine Abkühlung und meine Mamiya küsst hin und wieder fast die spiegelglatte Oberfläche des kühlen Nass. Ganz vorsichtig blicke ich durch den Lichtschachtsucher, stelle scharf, löse aus ‒ während die Reflektionen der Kaustiken des Cospunder Sees zuckende Muster auf Grethes Arme und Beine zeichnen.

Katha & Normen

Es ist schon fast Mitternacht, als ich von meinem nächtlichen Shooting mit Helene von den Heuballen zurück ins Haus komme. Jott bereitet schon das Make-Up für Katha und Normen vor, als ich in die warme Stube komme. Ein paar Absprachen später fädle ich den Ilford Delta 3200 ins Magazin.

Das Set besteht aus einem schmalen Stück schwarzen Tuchs, das gerade so die Fläche hinter den beiden abdeckt. Ich nutze das 140mm Objektiv und leuchte Katha und Normen langsam ein. Ein einfacher Aufsteckblitz mit Softbox auf einem Stativ genügt. Der moderne Fernauslöser funktioniert auch hervorragend an der über 30 Jahre alten Kamera. Zugegebenermaßen schieße ich ein paar Testfotos mit meiner 5D Mark II. Dauerlicht wäre mir lieber gewesen – so hätte ich auf diese Testschüsse verzichten können. Aber nun gut.

Durch die halb offen stehende Tür klingen noch Musik und Stimmen aus dem großen Gemeinschaftsraum unserer Unterkunft. Wir hören über meine kleine Box selbst noch etwas Musik, sind konzentriert trotz aller Müdigkeit. Wir alle haben einen fotoreichen Tag hinter uns. Aber der Gedanke, der mich zu diesen Fotos bringt, lässt mich und auch die beiden vor meiner Kamera noch etwas durchhalten.

Ich stelle mir diese Fotos als eine Art Covershooting für ein imaginäres Musikduo vor. Elektro. Experimentell. Düster und konzeptionell changiert die Musik im Wechsel mit musikalischen Traumelementen. Und das sollen die Fotos bei aller deutlichen Darstellung der Menschen auch zeigen. Klare Kanten, starke Kontraste und ein grobes Korn mischen sich teilweise mit Unschärfe und Blicken ins Leere.

Mamiya RZ67 Pro II
Ilford Delta 3200
Scans vom Negativ