Grethe II

Während die Sonne mir Mitte Mai schon die Haut verbrennt, ist das Wasser noch eisig kalt. Grethe und ich gönnen unseren Beinen eine kleine Abkühlung und meine Mamiya küsst hin und wieder fast die spiegelglatte Oberfläche des kühlen Nass. Ganz vorsichtig blicke ich durch den Lichtschachtsucher, stelle scharf, löse aus ‒ während die Reflektionen der Kaustiken des Cospunder Sees zuckende Muster auf Grethes Arme und Beine zeichnen.

Katha & Normen

Es ist schon fast Mitternacht, als ich von meinem nächtlichen Shooting mit Helene von den Heuballen zurück ins Haus komme. Jott bereitet schon das Make-Up für Katha und Normen vor, als ich in die warme Stube komme. Ein paar Absprachen später fädle ich den Ilford Delta 3200 ins Magazin.

Das Set besteht aus einem schmalen Stück schwarzen Tuchs, das gerade so die Fläche hinter den beiden abdeckt. Ich nutze das 140mm Objektiv und leuchte Katha und Normen langsam ein. Ein einfacher Aufsteckblitz mit Softbox auf einem Stativ genügt. Der moderne Fernauslöser funktioniert auch hervorragend an der über 30 Jahre alten Kamera. Zugegebenermaßen schieße ich ein paar Testfotos mit meiner 5D Mark II. Dauerlicht wäre mir lieber gewesen – so hätte ich auf diese Testschüsse verzichten können. Aber nun gut.

Durch die halb offen stehende Tür klingen noch Musik und Stimmen aus dem großen Gemeinschaftsraum unserer Unterkunft. Wir hören über meine kleine Box selbst noch etwas Musik, sind konzentriert trotz aller Müdigkeit. Wir alle haben einen fotoreichen Tag hinter uns. Aber der Gedanke, der mich zu diesen Fotos bringt, lässt mich und auch die beiden vor meiner Kamera noch etwas durchhalten.

Ich stelle mir diese Fotos als eine Art Covershooting für ein imaginäres Musikduo vor. Elektro. Experimentell. Düster und konzeptionell changiert die Musik im Wechsel mit musikalischen Traumelementen. Und das sollen die Fotos bei aller deutlichen Darstellung der Menschen auch zeigen. Klare Kanten, starke Kontraste und ein grobes Korn mischen sich teilweise mit Unschärfe und Blicken ins Leere.

Mamiya RZ67 Pro II
Ilford Delta 3200
Scans vom Negativ

Helene II

Ich glaube es sind etwa 5°C, als Helene ihren Mantel auszieht und sich auf den ebenso kühlen Boden vor die Wand aus aufgetürmten Heuballen stellt. Flankiert von Jana und Maren, die mit Wärmflasche und Decke bereitstehen, um Helene zwischen den Aufnahmen zumindest ein bisschen aufzuwärmen. Tanja hilft mir beim Wechsel der Objektive und Rückteile im Dunkeln. Wir sind auf freiem Feld. Nirgends eine Laterne. Nur die Taschenlampen unserer Smartphones helfen uns, uns zu orientieren.

Ich schieße ein paar digitale Testfotos, um besser einschätzen zu können, wie sich das Licht des Blitzes auf dem Körper und zusammen mit dem Hintergrund verhält. Nachdem alles eingeschossen und Helene schon ansatzweise durchgefroren ist, können wir anfangen die ersten Bilder auf Film zu bannen. Wieder dienen die Handylichter von Jana und Maren zum Einstellen der Schärfe und des Bildausschnitts im Dunkel der Nacht. Dann die Klamotten weg, alle aus dem Bild, 3, 2, 1 – Schuss. Und alles wieder zurück. Kamera spannen, neuen Bildausschnitt suchen und das ganze wieder von vorn.

Nach etwa einer Stunde in der Kälte packen wir unsere Sachen. Helene hat noch ein zweites Shooting an der “frischen Luft” vor sich und ich freue mich auf eine kleine Session mit Normen und Katha im Haus. Es ist kurz vor Mitternacht.

Danke für deine Geduld und dein Durchhaltevermögen Helene. Und danke für eure Hilfe Jana, Maren und Tanja.

Mamiya RZ67 Pro II
Kodak Portra 400
Scans vom Negativ

Ivana

Ivana und ich lernen uns auf dem Foto-Meetup #Provinz2019 in Mecklenburg-Vorpommern kennen. Dabei wohnen wir schon seit einigen Jahren praktisch Tür an Tür. Sie in Leipzig, ich in Halle. Getroffen oder gar gemeinsam fotografiert haben wir bis dahin noch nie.

Am Foto-Wochenende in der Provinz fotografieren wir ein kleines spontanes Set im Wald, das mich nicht 100% zufrieden zurück lässt. Ich habe Ivana irgendwie in einem anderen Setting vor meinem geistigen Auge und wir verabreden uns für einen Tag in der Woche nach dem Treffen für Fotos in Halle. Ein lustiger Umweg, der uns in unmittelbarer Nähe zu meinem Zuhause in Halle wieder zusammenführt.

Es ist noch etwas frisch an diesem Tag im Februar und das kühle Licht bricht sich nur diffus und schattenlos im kalten Beton. Ivanas pastellgelbes Top durchbricht die kühlen Blautöne und die Farben des Portra 400 geben den Fotos einen ganz eigenen Charakter.

Mamiya RZ67 Pro II
Kodak Portra 800
Ilford Delta 3200
Scans vom Negativ

Grethe

Wenn die Kamera langsam wieder zu einem Teil des eigenen Körpers wird, dann kribbelt sich da wieder dieses wohlig warme Gefühl im Bauch zurecht. Mit meiner Mamiya RZ67 Pro II musste und muss ich mich erst noch ein wenig eingrooven. Mein altes Arbeitstier, die Canon 5D Mark II, ist mir mittlerweile zu einer Art Erweiterung meines Körpers geworden, wenn ich mit ihr arbeite. Sie steht nicht mehr zwischen dem Menschen vor der Kamera und mir. Bei der Mamiya ist das noch ein bisschen anders. Aber wir arbeiten daran.

Mit Grethe, mit der ich mich Mitte Mai auf ein Shooting in Markkleeberg bei Leipzig traf, war es hingegen vom ersten Moment an harmonisch. Wir trafen uns das erste Mal auf ihrer Terasse auf einen Schluck Kaffee und ein paar Worte, bevor wir uns mit unseren Rädern losmachten. Ich hatte drei Portra 400, zwei 400TX und einen alten Ektachrome dabei. Platz also für jeweils zehn Bilder. Für die vier entstandenen Sets nutze ich fünf Filme.

In der gleißenden Mittagssonne begannen wir unsere kleine Session am See. Erst im Grünen im Schatten eines Baums. Das Equipment zielsicher über einem kleinen Ameisennest geparkt und noch etwas unsicher miteinander. Als dann die ersten beiden kleinen Serien im Grünen und im Schilf geschossen waren, zogen wir weiter zu einer großen, sandigen Freifläche um die Ecke.

Die Sonne brutzelte weiterhin unerbittlich und während ich nicht merkte, dass meine Haut an Armen und Nacken langsam die Farbe zu Rot wechselte, blickte Grethe mit ihrem unvergleichlich eindringlichen und doch leicht abwesenden Blick in die große Linse meiner Kamera. Da ist es wieder, das wohlige Kribbeln, wenn ich auf den Auslöser drücke. Sehen kann ich es nicht sofort. Aber ich weiß: wenn ich alles bedacht habe, sehe ich auf den Bildern später das, was ich hier durch den Sucher gespürt habe.

Vielen Dank liebe Grethe. Es war mir eine große Freude und ich freue mich aufs nächste Mal.