Grethe

Wenn die Kamera langsam wieder zu einem Teil des eigenen Körpers wird, dann kribbelt sich da wieder dieses wohlig warme Gefühl im Bauch zurecht. Mit meiner Mamiya RZ67 Pro II musste und muss ich mich erst noch ein wenig eingrooven. Mein altes Arbeitstier, die Canon 5D Mark II, ist mir mittlerweile zu einer Art Erweiterung meines Körpers geworden, wenn ich mit ihr arbeite. Sie steht nicht mehr zwischen dem Menschen vor der Kamera und mir. Bei der Mamiya ist das noch ein bisschen anders. Aber wir arbeiten daran.

Mit Grethe, mit der ich mich Mitte Mai auf ein Shooting in Markkleeberg bei Leipzig traf, war es hingegen vom ersten Moment an harmonisch. Wir trafen uns das erste Mal auf ihrer Terasse auf einen Schluck Kaffee und ein paar Worte, bevor wir uns mit unseren Rädern losmachten. Ich hatte drei Portra 400, zwei 400TX und einen alten Ektachrome dabei. Platz also für jeweils zehn Bilder. Für die vier entstandenen Sets nutze ich fünf Filme.

In der gleißenden Mittagssonne begannen wir unsere kleine Session am See. Erst im Grünen im Schatten eines Baums. Das Equipment zielsicher über einem kleinen Ameisennest geparkt und noch etwas unsicher miteinander. Als dann die ersten beiden kleinen Serien im Grünen und im Schilf geschossen waren, zogen wir weiter zu einer großen, sandigen Freifläche um die Ecke.

Die Sonne brutzelte weiterhin unerbittlich und während ich nicht merkte, dass meine Haut an Armen und Nacken langsam die Farbe zu Rot wechselte, blickte Grethe mit ihrem unvergleichlich eindringlichen und doch leicht abwesenden Blick in die große Linse meiner Kamera. Da ist es wieder, das wohlige Kribbeln, wenn ich auf den Auslöser drücke. Sehen kann ich es nicht sofort. Aber ich weiß: wenn ich alles bedacht habe, sehe ich auf den Bildern später das, was ich hier durch den Sucher gespürt habe.

Vielen Dank liebe Grethe. Es war mir eine große Freude und ich freue mich aufs nächste Mal.

Graziella

Graziella kam für nur einen ganzen Tag auf das #Provinz2019-Meetup. Wir nutzten die kurze Zeit für eine schnelle Session in der Vormittagssonne vor unserer Unterkunft. Als die Nachbarn mit dem fluffigen, weißen Riesenhund vorbei kommen, nehmen wir ihn kurzerhand mit ins Bild. Er scheint ein echter Genießer zu sein.

Die Farben des Portra habe ich in diesem Set leider nicht zu 100% unter Kontrolle bekommen. Schuld ist wahrscheinlich der ungeschickt gewählte goldene Reflektor im ersten Bild. Und die andere Lichtsituation, in der ich den Fuchs fotografiert habe.

Mamiya RZ67 Pro II
Kodak Portra 400
Scans vom Negativ

Helene

Ich habe ziemlich lange mit mir gehadert, ob ich die Fotos, die ich in den nächsten Tagen und Wochen veröffentliche, überhaupt veröffentlichen möchte. Seit ich die Mamiya RZ67 mein Eigen nennen darf und mit ihr einige liebe Menschen kennenlernen und fotografieren durfte, bin ich mit meinen Ergebnissen nur so halb zufrieden. Das liegt an Details wie dem Bildausschnitt, Belichtung oder auch der erzählerischen Konsequenz in einer Serie.

Das sehe ich aber keineswegs als Rückschritt. Vielmehr ist es eine Aufforderung an mich selbst, noch bewusster, noch bewusster auf diese Details zu achten. Das Bildformat ist mit 6×7 sehr ungewohnt und ich beschränke mich pro Shooting auf ein bis zwei Filme, sprich nur 10 bis 20 Bilder. Das bedeutet zwangsläufig weniger Auswahl als bei einem digitalen Shooting mit 300 oder mehr Bildern. Die Bilder sind auch nicht per se schlecht – geschweige denn, dass es an den Models liegt – nein. Es geht mir schlicht um meine fotografische Arbeitsweise.

Diese unterliegt einem Prozess. Und diese Bilder sind Teil des Prozesses. Daher will und muss ich sie meiner Meinung nach zeigen. Den Anfang mache ich mit drei Fotos von der wunderbaren Helene, die sich an diesem kühlen Februartag für unsere Bilder in die kalte Ostsee wagte. Die Fotos entstanden im Rahmen des Provinz2019 Meetups. Liebevoll organisiert von der lieben Pi von bythesea_photo.

Kodak Portra 400
Scans vom Negativ

Ella II

“Es ist das Menschliche,
in der Begegnung
Vielfältige,
Es ist das Liebevolle,
nach der Begegnung
Zauberhafte,
Es ist das Neuartige,
das uns bedrückt,
in seiner Endlichkeit
und uns beglückt.

Stets wollen wir mehr
von diesem Geschenk;
und wir wollen ihn halten,
diesen Moment.

Das kann es nicht geben,
das ist das Leben.”

– Ella

Willi

1984 hauchte mein Papa, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen, der frisch gegründeten Meisterschule Ebern für das Schreinerhandwerk Leben ein. Nach 35 Jahren fotografiere ich ihn das erste Mal in den Werkstätten, die er mit aufgebaut hat. Hier durften meine Schwestern und ich schon als Kinder an Holzresten schnitzen, beim Holz zurichten und beim Möbelbau helfen.

Ende letzten Jahres, kurz nach Weihnachten, war die Gelegenheit günstig. Papa muss eine Tischplatte aus Eichenholz räuchern und ölen. Dabei gehe ich ihm zur Hand und bemerke im Banksaal das wunderschön einfallende Licht der winterlichen Nachmittagssonne. Doch ich habe keine Kamera dabei und auch die Tischplatte muss geschliffen werden. Der Kindheitserinnerungen weckende Duft von Holz wird für einen Moment abgelöst vom beißenden Gestank des Ammoniaks, als wir die Platte zum Räuchern in die Kiste packen.

Am nächsten Tag kommen wir zum Ölen zurück. Eine Fahrt auf der olfaktorischen Achterbahn: Duftendes Holz, beißender Ammoniak, duftendes Holz, gefolgt von duftendem Öl. Und draußen bedeckter Himmel. Keine Sonnenstrahlen, die in den warmen Banksaal fallen. Egal. Ich habe meine neue Mamiya RZ67 Pro II dabei. Im Magazin ein Kodak Portra 400.

Während Papa die erste Seite der Platte ölt, richte ich meine Kamera ein. Ich habe das Gefühl, Fotografie neu lernen zu müssen. Zwar bin ich die Arbeit mit Film gewöhnt, doch ist es mit dem wunderschönen schwarzen Ziegelstein namens RZ67 ein anderer Prozess. Spannend.

Nachdem die Porträts im Kasten sind, hängt Papa die benutzten Lappen zum Ausdünsten in den kleinen grünen Innenhof. Ich fahre die Beine meines Stativs ein und wir packen zusammen. Für den Sommer plane ich eine größere Serie über meinen Papa, den letzten noch aktiven Gründer dieser Meisterschule.