Karen II

Bevor ich meinen Zug von Halle nach Leipzig nehme, um zum Studio zu kommen, kaufe ich am Bahnhof noch schnell eine Flasche Mate und eine kleine Schachtel frischer Himbeeren. Zum Großteil etwas matschig. Aber es ist ja auch nicht gerade Saison und für meine Fotos brauche ich nur fünf oder sechs halbwegs in Form gebliebene Exemplare.

Nachdem wir das erste Set auf der Couch geshootet haben, zieht Karen sich um und wir verlegen das zweite Set an das, von der schon tief stehenden Nachmittagssonne, erleuchtete Fenster. Etwas dreckig. Macht aber nichts.

Es ist das erste Shooting mit meiner Mamiya, in dem ich bei allen Bildern den Fokus hundert Prozent so treffe, wie ich ihn treffen will. Das ist ohne Dioptrien ausgleichende Linse im Lichtschacht und mit Brille nicht immer ganz einfach. Hier ging es wie von Zauberhand.

Mamiya RZ67 Pro II / Kodak Portra 400 / Kodak Portra 800 / Fuji FP-100C
Nikon FG / Kodak Gold 200

Franziska

Meinen Oktober verbrachte ich dieses Jahr in München. Ein lehrreicher Monat voller neuer Eindrücke und Erfahrungen, die mich beruflich einen guten Schritt weitergebracht haben. Neben der Zeit, die ich bei ARRI Media als VFX Artist arbeitete, habe ich ein Wochenende im schönen Rosenheim verbracht, wo ich alte Freunde der Familie besucht habe. Etwa zwanzig Jahre dürfte mein letzter Besuch zu dem Zeitpunkt her gewesen sein. Aber es war, als wäre ich vor zwei Wochen das letzte Mal hier gewesen.

Als ich am Abend ins Bett gehe, voll mit Bildern der nahegelegenen Alpen und Wälder, fiel mir ein, dass Franziska – ein Model, das ich 2016 kurz auf dem fokus-Meetup kennengelernt hatte – in Rosenheim wohnt. Also kurzerhand angeschrieben, ob sie am nächsten Tag Zeit und Lust hätte, sich vor meine Kamera zu stellen.

9:30 am nächsten Morgen. Das Frühstück und der Kaffee sind noch nicht ganz heruntergeschluckt, da holt mich Franzi schon ab und wir fahren in ein nahegelegenes Waldstück. Schnell noch die Filme eingelegt und nach 20 Minuten ist das Spektakel auch schon wieder Vergangenheit. Franzi fährt nach München zu einem Workshop, ich nehme ein paar Stunden später den Zug zurück nach München.

Karen

Eigentlich wollte ich zu diesen Fotos einen Songtext posten, den ich einem Lied entrissen hätte. Ganz deep und artsy. Nach einigem Suchen, Ausprobieren, Ansehen, Anhören und Durchlesen wirkte alles was ich fand weniger unterstützend, als viel mehr zwanghaft übergestülpt. Da war Nantes von Beirut, Golden Brown von The Stranglers, Camarillo Brillo von Zappa oder auch Pretty Face von Sóley. Alles nichts Passendes. Alles nichts, was den Bildern eine weitere Ebene geben würde. Was also tun?
Text weglassen? Reduzieren. Kein Songtext. Keine Musik. Einfach nur die Bilder für sich. Warum auch nicht?

Karen und ich trafen uns schon im Sommer 2017 in Halle für Fotos. Vor zwei Wochen lese ich ihre Nachricht auf Instagram: Sie ist in Leipzig. Ob ich Lust auf ein Shooting habe? Ja. Natürlich habe ich Lust. Ich bestelle sofort neue Farbfilme. Eine Woche später treffen wir uns in Leipzig. Beide leicht verspätet aber nicht in Hektik. Die wäre bei einem Shooting wie diesem fehl am Platz. Ich mache Musik an ‒ Jefferson Airplane und Konsorten ‒ Karen zeigt mir zwei Outfits. Es ist eine schnelle Entscheidung: Cordhose und schulterfreies Oberteil. Ein Hauch Retro. Während wir uns unterhalten und Karen dezentes Make-Up auflegt, lege ich den Portra 800 ein und rücke ein paar Pflanzen zurecht. Nach 10 Fotos und einem ein Sofortbild ist die erste Serie im Kasten. Outfitwechsel. Im Hintergrund Frank Zappa.

Grethe III

Das Shooting mit Grethe liegt mittlerweile über ein halbes Jahr zurück. Bei 30°C verbrannte ich mir da im späten Frühling noch den Nacken in der Sonne, während ich in den letzten Tagen froh bin, meine Handschuhe auf dem Rad anziehen zu können.

Die Auswahl der Fotos stammt aus einer bunten Mischung an Filmen und Kameras. Zum einen sind da die 35mm Fotos aus der Nikon FG, mit der ich vor etwa 15 Jahren anfing zu fotografieren. Eingelegt waren ein Kodak Gold und ein lange abgelaufener Fujichrome. Die Farben und Kontraste unterscheiden sich stark. Von fast verblasst zu kräftigen Durchzeichnungen in Schatten und Lichtern.

Zum anderen sind da die 6x7cm Fotos aus der Mamiya RZ67, die auf einem abgelaufenen originalen Ektachrome 100 die Farben stark überzeichnen. Dazwischen finden sich noch Sofortbilder auf Fuji FP100-C und Fuji Instax Mini.

Eigentlich versuche ich meine Serien inhaltlich und visuell immer möglichst aus einem Guss zu formen. Aber diese Mischung verschiedener Filme und Kameras reizt mich auch. Trotz des durchgehenden Hauptthemas der Fotos werden visuell verschiedene Sprachen gesprochen. So fühle ich mich als Betrachter bei jedem Bild aufs neue gefordert zurückzutreten und das einzelne Foto neu zu lesen.

Die analoge Reise geht weiter. Auch wenn ich zwischendrin immer wieder mal weniger posten sollte. Aber das kennt man ja mittlerweile. :)

Jott

Persönlich kennengelernt haben Jott und ich uns beim Provinz 2018 Meetup, bei dem viele der zuletzt veröffentlichten Serien entstanden. Wir zwei fanden damals allerdings keine Zeit für eine gemeinsame Arbeit. Abgesehen von Jotts wunderbarer Make-Up-Arbeit für die Fotos mit Katha und Normen.

Mitte August besuchte ich sie dann schließlich in ihrer Leipziger Wohnung. Eine offene, lichtdurchflutete Wohnung, die unter anderem von vier Katzen und vielen Pflanzen bewohnt wird. Nur die Wolken machten uns die ersten drei Stunden einen kleinen Strich durch die Rechnung. Als wir dann trotzdem einen Kleinbildfilm gefüllt hatten und ich schon wieder auf halbem Weg zu Bahnhof war, fiel mir an einer Ampel auf, dass ich meinen Pulli vergessen hatte. Also noch mal zurück. Und siehe da – strahlender Sonnenschein und die dazugehörigen Schattenspiele der Fensterrahmen und Pflanzen.

Ich packe noch einmal meine Mamiya aus, lege einen frischen Portra 800 ein und wir schießen schnell noch zehn Fotos. Wie sich nach dem Entwickeln herausstellt, macht dieser letzte Film den Hauptteil dieser Serie aus. Darunter mischen sich ein Foto auf 400-TX und zwei Fotos aus der Nikon FG auf Kodak Gold 200.