Doro

“I’m not scared of evil, in the colors
I’m not scared of judgement and the gates
What I’m scared of is that nothing happen

Sheep, Dog & Wolf – Nothing, Probably

Einfach mal zwischendurch: Freiheit & Experimente.

Friederike

Halb sieben morgens. Anfang November irgendwo an Halles Stadtrand. Bei ungefähr sieben Grad schlüpft Friederike aus ihren warmen Klamotten und freundet sich langsam mit dem riesigen Haufen Zuckerrüben an. Eigentlich hatten wir auf Nebel gehofft. Aber der Wetterbericht lies schon am Vorabend nichts Gutes vermuten. Egal. Wir hatten letztlich endlich einen Termin gefunden.

Durch die klare Luft und das klare, schattenlose Morgenlicht flattern hier und da kleine Schwärme von Krähen. Die Erde verströmt ihr kühles Aroma. Ich rieche es, als ich mich mit meiner Kamera ganz flach hinknie um einen neuen Bildausschnitt zu finden. Zwei Spaziergänger laufen kopfwendend und wortlos mit ihren Hunden an uns vorbei – den Blick weitestgehend versperrt durch die Zuckerrüben.

Doro

Wir lernen uns im Roten Horizont kennen, als ich mich gerade mit meinem Freund Karl auf einen Tee treffe. Doro setzt sich mit einer Freundin zu uns an den Tisch.

Einige Wochen später frage ich Doro, ob sie sich für ein paar Fotos vor meine Kamera trauen würde. Sie ist sofort begeistert und ein paar Tage später finden wir uns in meiner Nachbarwohnung wieder. Während im Hintergrund Musik von Tash Sultana läuft, scheint die Mittagssonne nur indirekt in das Zimmer. Mit einem Blick aus dem alten Fenster sehe ich unseren vertrauten Innenhof aus einer ungewohnten Perspektive. Das Dach aus Weinblättern erstreckt sich kräftig grün unter uns und zitiert noch einmal den vergangenen Sommer. Bald wird sich nur noch ein grau-braunes Gerippe aus dünnen Ästen über die darunterliegende Holzkonstruktion ranken.

Während meiner Beobachtungen hat es sich Doro auf dem großen Bett gemütlich gemacht. Die weiße Decke auf dem Bett reflektiert sanft das Licht und Doro wird immer selbstsicherer. Zwischendrin zeige ich ihr ein paar der schon entstandenen Fotos bevor wir uns wieder der Ruhe und Fotografie widmen.

Leo + Alex

Vor einiger Zeit kamen Alex und Leo auf mich zu, inspiriert von meiner Strangers-Serie von 2016. Die beiden Freundinnen wollten zusammen eine intime Fotoserie shooten. Allerdings anonym. Anders als in der Fotostrecke von 2016 kannten sich die beiden in diesem Fall schon eine Weile länger.

An einem Freitagmorgen im Sommer treffen wir uns in der Wohnung einer Freundin. Ich lege mein Equipment zurecht. Alex und Leo suchen überlegen sich bei einem Schluck Sekt, was sie anziehen. Die anfängliche Schüchternheit und leichte Unsicherheit weicht nach kurzer Zeit intimer Nähe und Ungezwungenheit. Im wechselnden Tageslicht verwinden sich die beiden Körper zu einem Knäuel aus Gliedmaßen und Haaren. Vorsichtig fahren Hände und Finger über die Haut der anderen. Erkunden, fragen und entdecken ohne zu sprechen.

Für die beiden war es das erste Shooting und somit auch das erste Akt-Shooting überhaupt. Für mich war es die erste freie Arbeit seit dem Shooting mit Sarah im Februar. Nach über fünf Monaten Fotoabstinenz mit dieser Serie zu starten war eine willkommene Herausforderung für mich. Schnell fühlte sich die Kamera in meinen Händen wieder Vertraut an.

Während meiner Master-Zeit, in der ich meinen Abschlussfilm “The Inner I” drehte, gab es keine zeitlichen und gedanklichen Kapazitäten über meine persönliche Fotografie nachzudenken, geschweigedenn ein Shooting zu planen. Dabei gingen mir leider auch schöne Shooting-Möglichkeiten durch die Lappen, auf die ich mitunter schon lange wartete. Umso schöner ist es, mit zwei Menschen wie Alex und Leo vor der Kamera einen Wiedereinstieg zu finden. Ich danke euch beiden sehr für euer Vertrauen, euer Durchhaltevermögen und das schöne Shooting. Es war mir eine Freude. :) Bis bald.

Schallfeld

Jörg von Schallfeld lernte ich vor ein paar Monaten über einen Freund kennen. Anlass war, dass ich drigend professionell produzierte Musik für meinen Film “The Inner I” benötigte und Jörg mit Schallfeld ein paar Tage vorher schon live gehört hatte. Innerhalb kürzester Zeit bekam ich einige Entwürfe für den Soundtrack und über die folgenden Wochen brachten Schallfeld den Song zum finalen Mix, der perfekt zu meinem Film passt.  (Mastering: Friedrich Betz)

Als kleine Gegenleistung für die Musik vereinbarten wir unter anderem ein kleines Fotoshooting für einige neue Promo-Fotos. Gestern Abend trafen wir uns dann im Studio von Philipp und Jörg, besprachen uns kurz und streiften dann durch den anliegenden Innenhof. Eine Stunde später waren verschiedene kleine Sets im Kasten und wir schlossen den Abend mit einem gemeinsamen Bierchen ab. Vielen Dank!

Schallfeld auf Soundcloud

Sarah Rawk






Sarah fragt mich am Tag vor dem Shooting um 8 Uhr abends, ob ich am nächsten Morgen um etwa 10 Uhr spontan Zeit für ein Shooting hätte. Sie sei spontan für einen Vormittag in der Stadt. Spontan? Kann ich. Wenige Wochen vorher hatten wir das erste Mal Kontakt. Sie, eine der schönsten Veganerinnen Deutschlands, ist mir schon länger aufgefallen. Und jetzt geht alles so schnell. Sarah schickt mir Fotos von möglichen Outfits, ich schlage ihr Locations vor. Nur um am nächsten Morgen festzustellen, dass die favorisierte Location in der kalten Realität nicht im Ansatz unseren Vorstellungen entspricht.

Bei  -12°C ziehen wir also weiter und finden einen Waschsalon. Warm, es riecht nach Waschmittel und die eine Leuchstoffröhre an der Decke liefert sich einen erbitterten Kampf mit dem Tageslicht, das durch die großen Fenster in den ansonsten Menschenleeren Raum fällt. Nachdem die leicht irritierten Betreiberinnen des Waschsalons uns ihre Räumlichkeiten netterweise zur Verfügung stellen, legen wir los. Nach einigen Fotos, einem weiteren Spaziergang, Tee und einer abschließenden 10-Minuten-Session haben wir unsere Fotos im Kasten und müssen zur Tram joggen, um unsere Züge nach Hause zu erwischen. Ein Abschluss-Selfie im Bahnhof, dann trennen sich unsere Wege. Aber nicht, ohne, dass wir uns lose auf ein weiteres Shooting im Sommer verabreden.

Eines meiner spontansten Shootings der letzten Jahre. Danke fürs Überrumpeln Sarah. Bis bald! :)

Vincent Littlehat V







Über ein Jahr ist es schon her, dass ich dieses Set mit der wunderbaren Vincent Littlehat geshootet habe. Ihr Freigeist und das vollkommene Ausklammern von möglichen gesellschaftlich auferlegten Normen inspirieren mich immer wieder. Die daraus sprießende Kreativität tut meinen Shootings gut. Ich versuche immer wieder ein bisschen Kontrolle abzugeben. Und das fällt bei ihr besonders leicht.

Es war ein schönes Wiedersehen und wir haben uns schon lose für das nächste Mal verabredet. Ich bin gespannt und freue mich darauf.

Jana V






Ein weiterer Nachzügler. Jana durfte ich im Februar letzten Jahres in Hamburg kennenlernen und fotografieren. Einige Sets aus unserem Shooting habe ich bereits veröffentlicht. Dieses hier ist anders. Die Haare zerzaust, der Ausschnitt des Bodys tief herunter gezogen. Nippelgate. Jana erkennt sich auf den Bildern selbst kaum wieder, als ich sie ihr Während des Shootings zeige. Aber es gefällt ihr. Und wir beschließen nach dieser Serie zufrieden die Taschen zu packen und den Tag ausklingen zu lassen. Beim Schritt aus dem Haus auf die Reeperbahn strömt mir kühle Luft in die Nase und ich mache mich auf den Weg zur Bahn.

Carolin








Carolin und ich haben uns vor einiger Zeit sozusagen auf dem Laufsteg kennengelernt. Damals hatte Carolin noch lange Haare. Und einfach so, weil sie es in ihrem Leben einmal machen wollte, schnitt sie sich die Mähne eines Tages ratzeputz ab. Kurz vor unserem Shooting hatte sie sich allerdings schon wieder dazu entschieden, die Haare wieder wachsen zu lassen. Zwei Zentimeter hatte sie bis zu diesem Tag etwa geschafft.

Als wir die ersten Fotos gemacht haben stellen wir beide fest, dass von diesen zwei Zentimetern 1,7 wieder weichen müssen. Fünf Minuten später stehen wir in Carolins Bad und ich schiebe den brummenden Rasierer in gleichmäßigen Bahnen über ihren Kopf während wir reden. Danach gehen wir wieder in ihr Zimmer. Durch das große Fenster fällt das kühle Licht des verregneten Tages weich in den Raum.

Carolin ertastet die samtig raue Struktur ihrer Couch. Die Wärme der nackten Haut ihrer Arme bricht das kühl abstrahlende Licht. Gemeinsam tasten wir uns Schritt für Schritt auf die Couch vor. Carolin vor, ich hinter der Kamera. Als sie sich das erste Mal auf das Sofa setzt strahlt Carolin eine Selbstsicherheit aus, wie ich sie in diesem Shooting von ihr noch nicht kannte. Aber sie bleibt zwischen den Zeilen des Schweigens trotzdem subtil mit Carolins ruhiger Ausstrahlung verwoben. Dieses dichte atmosphärische Geflecht, gepaart mit der Durchdringung des flächenhaft angeschnittenen Arrangements, macht für mich den Reiz dieser Serie mit diesem außergewöhnlichen Menschen aus.

Vielen Dank für dein Vertrauen Carolin.

Vincent Littlehat IV


Was soll ich zu Vincent noch viel schreiben? Zu diesem Tag? Zu diesem Shooting? Die Stunden vergehen wie im Flug. Wir überziehen die vereinbarte Zeit und haben dabei großen Spaß. Ich entdecke wieder und wieder die vielen Gründe, die mich an die Fotografie fesseln. Diese Szenen im Kopf zu erleben, in Realität zu sehen und durch die Kamera neu zu erfinden und vermeintlich zu dokumentieren. Es ist diese Grenze zwischen Bild und Abbild, die schon Sigfried Kracauer und Walter Benjamin diskutieren. Ist es echt, was ich da zeige oder nur ein Zerrbild meiner Fantasie, dargestellt durch mehr oder weniger willkürliche Arrangements?

Eine Frage, die mich schon seit sehr langer Zeit begleitet und immer wieder aufs Neue fasziniert. Ich denke, es ist unmöglich, die Realität wiederzugeben. Manchmal frage ich mich, ob ich daher nicht eigentlich viel abstrakter und experimenteller werden müsste. Oder ob ich mich weiter versuche, der Authentizität anzunähern, die in ihrer Vollendung immer unerreichbar bleiben wird. Lohnt es sich, diesen Anspruch weiter zu verfolgen oder sollte ich eigentlich noch viel mehr „Realität“ konstruieren? Beides ist spannend, birgt seine Reize und Schattenseiten. Am Ende bleibt festzuhalten: Ich muss viel viel mehr machen. Mehr Fotos. Mehr Menschen treffen und kennenlernen. Dann kann ich den Antworten auf diese Fragen vielleicht ein Stück näher kommen.

Frohe Weihnachten!

Karen

“It’s not really my problem if they think I’m weird.”
― Sid Vicious

Vincent Littlehat III


Vincent und ich gehen bei unserem Shooting im Februar in die Küche. Auch hier: 70er-Alarm. Schön. Schön blau auch. Das Hemd, das Vincent trägt wirkt wie eine folkloristische Weste aus Osteuropa. Die klaren Linien der Küche und der minimalen Einrichtung setzen dem fast opulenten Muster mit aller Kraft ihre Schlichtheit entgegen. Und Vince? Die ist ganz bei sich und der Kamera. Albert rum und verliert sich wieder mit ihren Blicken in der Ferne ihrer Gedanken.

Fotoportfolio 2016 — 2017

 

Manchmal braucht es einen Anlass, damit man sich endlich zu etwas durchringt. In meinem Fall war es die Verleihung des GoSee Awards 2017 in Berlin, bei dem ich mit der Serie “Strangers” von Alex und Malou Silber in der Kategorie Nude gewann. Vor Ort durfte jede*r Teilnehmer*in sein / ihr Portfolio präsentieren. Als ich das erfuhr, hatte ich noch etwa 6 Tage Zeit, um ein komplettes Portfolio zusammenzustellen und drucken zu lassen. Also ran an den Speck.

Die Auswahl der Fotos dauerte zwei oder drei Tage. Dabei flogen einige Fotos raus, die ich bisher in meinem Portfolio als unverzichtbar ansah. Andere, zum Teil unveröffentlichte, Fotos und Serien schafften es quasi posthum in das 112 Seiten starke Buch. Sich bei seiner Fotoauswahl einzuschränken ist wohl eine der schwersten Übungen für jede*n Fotograf*in. Für dieses Portfolio fiel es mir jedoch überraschend leicht, mich von einzelnen Fotos oder ganzen Serien zu trennen. Vielleicht auch, weil ich im Voraus den Anspruch auf Vollständigkeit ausgeschlossen und mich auf die letzten zwei Jahre beschränkt habe.

Nicht weniger schwierig ist es, den richtigen Duktus in der Abfolge der Bilder zu finden. Sortiere ich meine Fotos chronologisch, thematisch, nach Farbigkeit oder Ort? Ich habe mich letztendlich gegen jegliche augenscheinlich logische Struktur entschieden und nach Gefühl die Bilder in das Layout einfließen lassen, sodass beim Durchblättern keine Langeweile entsteht und man immer wieder die Augen auf ruhigeren Seiten entspannen kann. Dafür gönne ich den Fotos auf den Collagen-Seiten mal mehr und mal weniger Weißraum.

 

 

 

In dem Buch findet sich auch noch ein Kapitel, das von mir im Netz so gut wie gar nicht bekannt ist: Meine Reisedokumentationen. Auf meinen Trips durch die USA und Russland entstanden in den letzten zwei Jahren viele Fotos, die ich bisher nie veröffentlicht habe. Vielleicht sollte ich das demänchst mal tun. Denn sie gehören ebenso zu meiner Fotografie, wie meine Porträts.

Typografisch habe ich mich so weit wie möglich reduziert. Am unteren Rand aller Seiten findet man das jeweilige Model, den Ort und das Entstehungsjahr. Bei den Reise-Fotos steht hier ggf. noch eine kleine Info zum Kontext. Die Kapitel werden durch schwarze Seiten mit weißer Schrift getrennt. Lediglich im Vorspann findet man mehr Text, in dem ich kurz etwas über mich und meine Art zu Fotografieren erzähle. Das Porträt von mir hat Nico Ackermeier 2015 auf Rügen geschossen.

 

 

 

Den Band habe ich als Einzelstück bei Saal Digital für etwa 120 Euro drucken lassen. Trotz einer angegebenen, zu erwartenden Lieferzeit von 4 bis 5 Tagen per Express, habe ich es an einem Freitag bestellt und zu meiner Überraschung und Freude am nächsten Tag erhalten. Beim Umschlag habe ich mich für mattes Papier entschieden, das laut Herstellerangabe nicht für dunkle Motive geeignet ist. Ich habe mit dem, in Teilen doch sehr dunklen, Umschlagbild keine Probleme feststellen können. Haptisch changiert das Papier in einem interessanten Spiel, irgendwo zwischen Gummi und Papier. Die Oberfläche ist relativ Unempfindlich gegenüber Fingerabdrücken oder Kratzern und macht einen wunderbar hochwertigen Eindruck.

Die Innenseiten sind ebenfalls auf mattem, aber leicht strukturiertem und seidig glänzendem Papier gedruckt. Für die Fotos, die Farben, Kontraste und Schärfe ist das optimal. Man erkennt das Filmkorn der Bilder und an den Kanten zum Weiß des Papiers ist keine Unschärfe oder gar ein Farbversatz zu entdecken. Für längere Fließtexte ist das Papier nicht perfekt, aber gut. Ich würde keinen Roman darauf drucken. Aber für diesen Zweck ist es top.
Durch die Layflat-Bindung konnte ich große Querformate mit gutem Gewissen auch doppelseitig platzieren, ohne dass Elemente in der Bildmitte durch einen tiefen Falz verloren gehen. Die leichte Kante, die durch das Falzen unweigerlich entsteht stört mich persönlich nicht.

In Berlin ging das Buch durch viele Hände. Darunter hat der Einband bereits etwas gelitten. Besonders die Falzstelle des Buchdeckels und -rückens. Hier hätte ich mir etwas mehr Langlebigkeit erhofft.

Ab jetzt werde ich wohl jedes Jahr einen Bildband zusammenstellen. Es ist einfach ein gutes Gefühl, seine Fotos gedruckt zu sehen und in den Händen halten zu können.

Gloria

– English version below. –

Es war mein letzer Tag in New York. Ich habe mich den ganzen Tag in der Stadt herumgetrieben und mir meinen Kindheitstraum erfüllt, einmal ausgiebig die Dinosaurierskelette im American Museum of Natural History zu sehen. Träumchen! Am Abend entschied ich mich kurzerhand noch zu einem Konzert im Studio der Webster Hall zu tuckern. Kurz nach Anstoß an der Abendkasse noch ein Ticket bekommen, ein paar nette Menschen getroffen und dann einen großartigen Abend mit Royal Republic, Dinosaur Pile-Up und Frank Carter gehabt. Vor allem Letzterer ist eine absolute Empfehlung für Freund*innen des Hardcorepunk. Gerade live unfassbar. Selten hat mich ein, mir bis dato unbekannter, Künstler auf Anhieb so mitgerissen.

Aber nungut. Da war ja noch ein Mensch, den ich fotografieren wollte. Am letzten Abend. Am nächsten Tag soll es um 11 Uhr schon wieder in Richtung Flughafen gehen. Am Merch von Dinosaur Pile-Up arbeitet Gloria. Wir kommen über die Fotografie ins Gespräch – ich habe meine Kamera dabei und quetsche mich damit gelegentlich in den Pogo in der zweiten Reihe. Als ich wieder verschnaufe ergreife die Gelegenheit beim Schopf und frage die interessante Merchandise-Verkäuferin, ob sie Bock auf ein kleines Shooting am nächsten Morgen hätte. Nächster Morgen? Sie schlägt direkt die angebrochene Nacht vor. Ich manövriere mich mit Bier und Kamera wieder ins Getümmel.

Einige Zeit später: Es ist zwei Uhr morgens. Die Bands trinken noch ihr Bier vor den Flightcases auf dem Gehsteig, die Gäste sind längst gegangen. Annika und Jasper, die beiden DresdnerInnen, die ich wenige Stunden zuvor am Eingang kennengelernt hatte, sind auch noch da. Wir quatschen noch ein bisschen, trinken Bier und essen Kuchen aus dem “Späti” um die Ecke. Das rote Leuchten der Reklamen des Pubs gegenüber zieht mich magisch an.

Gloria, mit der ich mittlerweile die Straßenseite zum Shooten gewechselt habe, ist selbstbewusst und hat keine Scheu vor der Kamera. Ein paar ZuschauerInnen begleiten uns mit ihren Blicken. Wir schaffen es trotzdem, uns gedanklich abzukapseln und der Situation ein paar Momente der Ruhe abzuringen. Dann kommt plötzlich ihr Freund mit ins Bild. Warum auch nicht? Wir kommunizieren ohne zu reden und die beiden inszenieren sich offenbar nur zu gern. Ich halte die Szene fest.

Dann müssen alle los. Alles geht ganz schnell. Ich packe meine Sachen, wir brechen auf und trennen uns an einer Subway-Station an der ich die nächste Subway nach Brooklyn nehme.

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Katja IV

 

 

“Die Dunkelheit schluckte sie und ihr Körper brach wie Eisschollen.
Dann hob sich die Dunkelheit und sie offenbarte sich, ohne etwas zu zeigen.”

– Kim B. Dudek

 

 

 

 

 

Vincent Littlehat II


Vor Vincent ist nichts sicher. Auch nicht die Schallplattensammlung unseres Hosts. Mit aller Vorsicht und großem Interesse inspiziert Vincent das Vinyl, macht es sich auf dem Kissen in der Ecke bequem. Zwischendrin erklärt sie mir ihre Halbbildkamera voller Liebe zu dieser Technik und der damit schon erlebten Reisen durch die Welt.

kammerflimmern











“Und was sie suchte, das konnte sie nicht finden. Entbunden vom Raum wirkte nichts Menschliches mehr auf sie ein. In Augenblicken in denen sie glaubte, das Erhoffte, vom elektrischen Licht beschienen, gefunden zu haben, erstarrte sie, verlor sich, wurde uniform.” – Kim B. Dudek

Jana IV


 

Natürlich können wir die rote, samtbezogene Couch nicht ignorieren, die da unter dem vintage Rennrad steht und geradezu danach schreit, beachtet zu werden. Jana tut ihr den Gefallen. Ihre helle, glatte Haut hebt sich von der dunklen Umgebung ab, drängt sich mit aller Zartheit in den Vordergrund, um dann wieder in den Schatten mit dem Hintergrund zu verschwimmen.

Katja III

Fast hätten wir den Tag Tag sein lassen und das Shooting beendet. Mit wunderbaren Ergebnissen in der Tasche und guten Gesprächen in Erinnerung. Aber da war noch etwas. Irgendwas hat uns noch einmal in das Schlafzimmer gezogen. Die Niesche, in der wir das Shooting an diesem kühlen Tag in Hamburg begonnen hatten. Jetzt waren wir allerdings miteinander aufgetaut. Die innere Nähe, die ich bei jedem Shooting suche, um mit meinen Fotos nah an die Menschen heranzukommen, war greifbar. Und Jana hat sich noch einmal auf das Schafsfell in der kleinen Ecke gelegt. Von draußen scheint noch das letzte blaue Licht der langsam untergehenden Sonne herein und ergießt sich über Katjas nackten Oberkörper. Betont Rippenbögen und Hüftknochen. Zeigt sowohl Kraft als auch Verletzlichkeit in Katjas Gesicht. Ohne, dass sie dabei einen Blick in die Kamera preisgibt.

Nach diesem letzten Set unterhalten wir uns noch einige Zeit in Katjas Wohnzimmer, bis es draußen dunkel wird und ich meine Sachen packe.

Ich danke dir für dieses schöne Shooting und dein großes Vertrauen, liebe Katja. Bis bald.

Celina II

Bevor wir das zuletzt veröffentlichte Set shooten und dafür das Haus verlassen, machen meine alte Freundin Celina und ich es uns in der Küche gemütlich. Kaffee und, zumindest für sie, Kippen. Das Wetter lässt uns schon einen kleinen Vorgeschmack auf den nicht mehr all zu fernen Sommer probieren. Es ist der erste Februartag, doch die Temperaturen sind mild. Durch die offene Küchentür kommt kühle Luft in die Wohnung. Zusammen mit weichem Licht, das in Celinas markantem Gesicht sanft die klaren Kanten definiert.