Gloria

– English version below. –

Es war mein letzer Tag in New York. Ich habe mich den ganzen Tag in der Stadt herumgetrieben und mir meinen Kindheitstraum erfüllt, einmal ausgiebig die Dinosaurierskelette im American Museum of Natural History zu sehen. Träumchen! Am Abend entschied ich mich kurzerhand noch zu einem Konzert im Studio der Webster Hall zu tuckern. Kurz nach Anstoß an der Abendkasse noch ein Ticket bekommen, ein paar nette Menschen getroffen und dann einen großartigen Abend mit Royal Republic, Dinosaur Pile-Up und Frank Carter gehabt. Vor allem Letzterer ist eine absolute Empfehlung für Freund*innen des Hardcorepunk. Gerade live unfassbar. Selten hat mich ein, mir bis dato unbekannter, Künstler auf Anhieb so mitgerissen.

Aber nungut. Da war ja noch ein Mensch, den ich fotografieren wollte. Am letzten Abend. Am nächsten Tag soll es um 11 Uhr schon wieder in Richtung Flughafen gehen. Am Merch von Dinosaur Pile-Up arbeitet Gloria. Wir kommen über die Fotografie ins Gespräch – ich habe meine Kamera dabei und quetsche mich damit gelegentlich in den Pogo in der zweiten Reihe. Als ich wieder verschnaufe ergreife die Gelegenheit beim Schopf und frage die interessante Merchandise-Verkäuferin, ob sie Bock auf ein kleines Shooting am nächsten Morgen hätte. Nächster Morgen? Sie schlägt direkt die angebrochene Nacht vor. Ich manövriere mich mit Bier und Kamera wieder ins Getümmel.

Einige Zeit später: Es ist zwei Uhr morgens. Die Bands trinken noch ihr Bier vor den Flightcases auf dem Gehsteig, die Gäste sind längst gegangen. Annika und Jasper, die beiden DresdnerInnen, die ich wenige Stunden zuvor am Eingang kennengelernt hatte, sind auch noch da. Wir quatschen noch ein bisschen, trinken Bier und essen Kuchen aus dem „Späti“ um die Ecke. Das rote Leuchten der Reklamen des Pubs gegenüber zieht mich magisch an.

Gloria, mit der ich mittlerweile die Straßenseite zum Shooten gewechselt habe, ist selbstbewusst und hat keine Scheu vor der Kamera. Ein paar ZuschauerInnen begleiten uns mit ihren Blicken. Wir schaffen es trotzdem, uns gedanklich abzukapseln und der Situation ein paar Momente der Ruhe abzuringen. Dann kommt plötzlich ihr Freund mit ins Bild. Warum auch nicht? Wir kommunizieren ohne zu reden und die beiden inszenieren sich offenbar nur zu gern. Ich halte die Szene fest.

Dann müssen alle los. Alles geht ganz schnell. Ich packe meine Sachen, wir brechen auf und trennen uns an einer Subway-Station an der ich die nächste Subway nach Brooklyn nehme.

Continue reading