Vincent Littlehat IV


Was soll ich zu Vincent noch viel schreiben? Zu diesem Tag? Zu diesem Shooting? Die Stunden vergehen wie im Flug. Wir überziehen die vereinbarte Zeit und haben dabei großen Spaß. Ich entdecke wieder und wieder die vielen Gründe, die mich an die Fotografie fesseln. Diese Szenen im Kopf zu erleben, in Realität zu sehen und durch die Kamera neu zu erfinden und vermeintlich zu dokumentieren. Es ist diese Grenze zwischen Bild und Abbild, die schon Sigfried Kracauer und Walter Benjamin diskutieren. Ist es echt, was ich da zeige oder nur ein Zerrbild meiner Fantasie, dargestellt durch mehr oder weniger willkürliche Arrangements?

Eine Frage, die mich schon seit sehr langer Zeit begleitet und immer wieder aufs Neue fasziniert. Ich denke, es ist unmöglich, die Realität wiederzugeben. Manchmal frage ich mich, ob ich daher nicht eigentlich viel abstrakter und experimenteller werden müsste. Oder ob ich mich weiter versuche, der Authentizität anzunähern, die in ihrer Vollendung immer unerreichbar bleiben wird. Lohnt es sich, diesen Anspruch weiter zu verfolgen oder sollte ich eigentlich noch viel mehr „Realität“ konstruieren? Beides ist spannend, birgt seine Reize und Schattenseiten. Am Ende bleibt festzuhalten: Ich muss viel viel mehr machen. Mehr Fotos. Mehr Menschen treffen und kennenlernen. Dann kann ich den Antworten auf diese Fragen vielleicht ein Stück näher kommen.

Frohe Weihnachten!

Karen

„It’s not really my problem if they think I’m weird.“
― Sid Vicious

Vincent Littlehat III


Vincent und ich gehen bei unserem Shooting im Februar in die Küche. Auch hier: 70er-Alarm. Schön. Schön blau auch. Das Hemd, das Vincent trägt wirkt wie eine folkloristische Weste aus Osteuropa. Die klaren Linien der Küche und der minimalen Einrichtung setzen dem fast opulenten Muster mit aller Kraft ihre Schlichtheit entgegen. Und Vince? Die ist ganz bei sich und der Kamera. Albert rum und verliert sich wieder mit ihren Blicken in der Ferne ihrer Gedanken.

Fotoportfolio 2016 — 2017

 

Manchmal braucht es einen Anlass, damit man sich endlich zu etwas durchringt. In meinem Fall war es die Verleihung des GoSee Awards 2017 in Berlin, bei dem ich mit der Serie „Strangers“ von Alex und Malou Silber in der Kategorie Nude gewann. Vor Ort durfte jede*r Teilnehmer*in sein / ihr Portfolio präsentieren. Als ich das erfuhr, hatte ich noch etwa 6 Tage Zeit, um ein komplettes Portfolio zusammenzustellen und drucken zu lassen. Also ran an den Speck.

Die Auswahl der Fotos dauerte zwei oder drei Tage. Dabei flogen einige Fotos raus, die ich bisher in meinem Portfolio als unverzichtbar ansah. Andere, zum Teil unveröffentlichte, Fotos und Serien schafften es quasi posthum in das 112 Seiten starke Buch. Sich bei seiner Fotoauswahl einzuschränken ist wohl eine der schwersten Übungen für jede*n Fotograf*in. Für dieses Portfolio fiel es mir jedoch überraschend leicht, mich von einzelnen Fotos oder ganzen Serien zu trennen. Vielleicht auch, weil ich im Voraus den Anspruch auf Vollständigkeit ausgeschlossen und mich auf die letzten zwei Jahre beschränkt habe.

Nicht weniger schwierig ist es, den richtigen Duktus in der Abfolge der Bilder zu finden. Sortiere ich meine Fotos chronologisch, thematisch, nach Farbigkeit oder Ort? Ich habe mich letztendlich gegen jegliche augenscheinlich logische Struktur entschieden und nach Gefühl die Bilder in das Layout einfließen lassen, sodass beim Durchblättern keine Langeweile entsteht und man immer wieder die Augen auf ruhigeren Seiten entspannen kann. Dafür gönne ich den Fotos auf den Collagen-Seiten mal mehr und mal weniger Weißraum.

 

 

 

In dem Buch findet sich auch noch ein Kapitel, das von mir im Netz so gut wie gar nicht bekannt ist: Meine Reisedokumentationen. Auf meinen Trips durch die USA und Russland entstanden in den letzten zwei Jahren viele Fotos, die ich bisher nie veröffentlicht habe. Vielleicht sollte ich das demänchst mal tun. Denn sie gehören ebenso zu meiner Fotografie, wie meine Porträts.

Typografisch habe ich mich so weit wie möglich reduziert. Am unteren Rand aller Seiten findet man das jeweilige Model, den Ort und das Entstehungsjahr. Bei den Reise-Fotos steht hier ggf. noch eine kleine Info zum Kontext. Die Kapitel werden durch schwarze Seiten mit weißer Schrift getrennt. Lediglich im Vorspann findet man mehr Text, in dem ich kurz etwas über mich und meine Art zu Fotografieren erzähle. Das Porträt von mir hat Nico Ackermeier 2015 auf Rügen geschossen.

 

 

 

Den Band habe ich als Einzelstück bei Saal Digital für etwa 120 Euro drucken lassen. Trotz einer angegebenen, zu erwartenden Lieferzeit von 4 bis 5 Tagen per Express, habe ich es an einem Freitag bestellt und zu meiner Überraschung und Freude am nächsten Tag erhalten. Beim Umschlag habe ich mich für mattes Papier entschieden, das laut Herstellerangabe nicht für dunkle Motive geeignet ist. Ich habe mit dem, in Teilen doch sehr dunklen, Umschlagbild keine Probleme feststellen können. Haptisch changiert das Papier in einem interessanten Spiel, irgendwo zwischen Gummi und Papier. Die Oberfläche ist relativ Unempfindlich gegenüber Fingerabdrücken oder Kratzern und macht einen wunderbar hochwertigen Eindruck.

Die Innenseiten sind ebenfalls auf mattem, aber leicht strukturiertem und seidig glänzendem Papier gedruckt. Für die Fotos, die Farben, Kontraste und Schärfe ist das optimal. Man erkennt das Filmkorn der Bilder und an den Kanten zum Weiß des Papiers ist keine Unschärfe oder gar ein Farbversatz zu entdecken. Für längere Fließtexte ist das Papier nicht perfekt, aber gut. Ich würde keinen Roman darauf drucken. Aber für diesen Zweck ist es top.
Durch die Layflat-Bindung konnte ich große Querformate mit gutem Gewissen auch doppelseitig platzieren, ohne dass Elemente in der Bildmitte durch einen tiefen Falz verloren gehen. Die leichte Kante, die durch das Falzen unweigerlich entsteht stört mich persönlich nicht.

In Berlin ging das Buch durch viele Hände. Darunter hat der Einband bereits etwas gelitten. Besonders die Falzstelle des Buchdeckels und -rückens. Hier hätte ich mir etwas mehr Langlebigkeit erhofft.

Ab jetzt werde ich wohl jedes Jahr einen Bildband zusammenstellen. Es ist einfach ein gutes Gefühl, seine Fotos gedruckt zu sehen und in den Händen halten zu können.

Gloria

– English version below. –

Es war mein letzer Tag in New York. Ich habe mich den ganzen Tag in der Stadt herumgetrieben und mir meinen Kindheitstraum erfüllt, einmal ausgiebig die Dinosaurierskelette im American Museum of Natural History zu sehen. Träumchen! Am Abend entschied ich mich kurzerhand noch zu einem Konzert im Studio der Webster Hall zu tuckern. Kurz nach Anstoß an der Abendkasse noch ein Ticket bekommen, ein paar nette Menschen getroffen und dann einen großartigen Abend mit Royal Republic, Dinosaur Pile-Up und Frank Carter gehabt. Vor allem Letzterer ist eine absolute Empfehlung für Freund*innen des Hardcorepunk. Gerade live unfassbar. Selten hat mich ein, mir bis dato unbekannter, Künstler auf Anhieb so mitgerissen.

Aber nungut. Da war ja noch ein Mensch, den ich fotografieren wollte. Am letzten Abend. Am nächsten Tag soll es um 11 Uhr schon wieder in Richtung Flughafen gehen. Am Merch von Dinosaur Pile-Up arbeitet Gloria. Wir kommen über die Fotografie ins Gespräch – ich habe meine Kamera dabei und quetsche mich damit gelegentlich in den Pogo in der zweiten Reihe. Als ich wieder verschnaufe ergreife die Gelegenheit beim Schopf und frage die interessante Merchandise-Verkäuferin, ob sie Bock auf ein kleines Shooting am nächsten Morgen hätte. Nächster Morgen? Sie schlägt direkt die angebrochene Nacht vor. Ich manövriere mich mit Bier und Kamera wieder ins Getümmel.

Einige Zeit später: Es ist zwei Uhr morgens. Die Bands trinken noch ihr Bier vor den Flightcases auf dem Gehsteig, die Gäste sind längst gegangen. Annika und Jasper, die beiden DresdnerInnen, die ich wenige Stunden zuvor am Eingang kennengelernt hatte, sind auch noch da. Wir quatschen noch ein bisschen, trinken Bier und essen Kuchen aus dem „Späti“ um die Ecke. Das rote Leuchten der Reklamen des Pubs gegenüber zieht mich magisch an.

Gloria, mit der ich mittlerweile die Straßenseite zum Shooten gewechselt habe, ist selbstbewusst und hat keine Scheu vor der Kamera. Ein paar ZuschauerInnen begleiten uns mit ihren Blicken. Wir schaffen es trotzdem, uns gedanklich abzukapseln und der Situation ein paar Momente der Ruhe abzuringen. Dann kommt plötzlich ihr Freund mit ins Bild. Warum auch nicht? Wir kommunizieren ohne zu reden und die beiden inszenieren sich offenbar nur zu gern. Ich halte die Szene fest.

Dann müssen alle los. Alles geht ganz schnell. Ich packe meine Sachen, wir brechen auf und trennen uns an einer Subway-Station an der ich die nächste Subway nach Brooklyn nehme.

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